PODCAST #08

Abir Haddad

Vom unbegleiteten minderjährigen Flüchtling zur Rechtsexpertin

Geburtsort

Bagdad, Irak

Geburtstag

Anfänge

Unbegleitetes minderjähriges Flüchtlingsmädchen

Heute

Rechtsexpertin, Universitätsdozentin & Beraterin der Vereinten Nationen
„Endlich mal entscheide ich, wo ich lebe. Endlich mal bin ich nicht mehr auf der Flucht. Endlich mal muss ich nicht nach meinem Platz suchen.“
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Abir Haddad im MyGrandStory Podcast

Abir Haddads GrandStory

Abir Haddad kennt das Gefängnis. Von innen. Nicht etwa, weil sie sich etwas zu Schulden hätte kommen lassen, sondern weil die österreichische Polizei Mitte der 1990er Jahre schlicht nicht wusste, wie sie mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen umgehen sollte.

Abir sagt von sich selbst, dass sie wahrscheinlich das erste unbegleitete weibliche Flüchtlingskind Österreichs gewesen ist. Konsequenz war jedoch, dass sie sich Bad und Toilette mit erwachsenen männlichen Gefängnisinsassen teilen musste, und das, noch bevor sie in die Pubertät gekommen ist.

Ihr Glück in dieser Situation war es, dass sich eine engagierte Dolmetscherin für sie einsetzte und ihr als Pflegemutter Zuflucht geben konnte.

Abirs Flucht, die im Alter von zehn Jahren in Bagdad begann, wurde von einer anfänglichen Abenteuerreise zu einer Jahre andauernden Odyssee und führte sie über Jordanien, Syrien, Ungarn und Österreich bis nach Deutschland.

Auch noch in Deutschland war sie mehr eine Nomadin denn eine Sesshafte. In ihren ersten Jahren zog sie allein viermal um. Dass Abir ein wahres Sprachgenie ist, eine Vielzahl von Sprachen spricht und flink wie ein Wiesel kulturelle Paradigmen und Kommunikationsmuster versteht, ist für sie mehr als reine Tugend oder Charaktermerkmal.

In ihrem Fall waren diese Fähigkeiten überlebenswichtig, sei es an der österreichisch-ungarischen Grenze oder im Gefängnis.

Wer ist Abir Haddad?

Abir Haddad ist eine promovierte Juristin, die ihre Dissertation mit summa cum laude am Institut für internationales Privatrecht der Universität Köln mit Forschungsaufenthalten in Japan, Bahrain, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Großbritannien absolvierte.

Abir ist Expertin für das moderne Recht arabischer Staaten, islamisches Recht sowie Islamic Finance und berät das UN Sekretariat zum Klimaschutzabkommen hinsichtlich Innovation im Recht und Rechtstransformation.

Sie leitet eine internationale Wissenschaftsgruppe zur Rechtspraxis in der arabisch-islamischen Welt und ist Dozentin für modernes Recht arabischer Staaten an der juristischen Fakultät der Universität zu Köln.

Was macht Abir Haddad außergewöhnlich?

Gibt‘s nicht? Geht gar nicht. Nach diesem Prinzip lebt und arbeitet Abir Haddad. Egal ob im Privaten oder Beruflichen: Wenn etwas nicht vorhanden ist, dann setzt die kreative Netzwerkerin und begabte Organisatorin alles daran, dass gute Ideen in solide Fundamente gegossen und zum Leben erweckt werden.

Sei es bei den Bund Deutscher Juristinnen, wo Abir aktiv ist, als Mentorin bei Minerva-FemmeNet, einem Programm des Max-Planck-Instituts oder als Co-Vorstandsvorsitzende des Netzwerks multikultureller Jurist:innen.

Oder im privaten Bereich als Initiatorin und Gründerin des Netzwerk der Heiderhofer Eltern, das sich um die lebenspraktischen Belange junger Familien kümmert.

Die Powerfrau Abir Haddad fackelt nicht lange, sondern versetzt Berge mit ihrem Elan und Tatendrang.

Warum hat Abir Haddad eine GrandStory?

Abir Haddads GrandStory erzählt von der Macht der Sprache, von der Gunst des richtigen Moments und davon, welchen Einfluss die kleinen guten Taten auf das große Ganze haben können.

Als Zehnjährige geht Abir mit ihrem Vater auf eine Reise in ein unbekanntes Land, denn als solche wird ihr die Flucht aus dem kriegszerrütteten Irak in Aussicht gestellt, ähnlich wie dies auch bei Mohanna Azarmandi der Fall war, einer weiteren großartigen Protagonistin unserer GrandStories. Sie flüchten über zwei Jahre hinweg von Jordanien, Syrien bis nach Ungarn zum Bruder ihres Vaters, wo sie in zehn Monaten die ungarische Sprache lernt.

Doch die langwierige Reise verkommt zu einer wahren Odyssee: Allein reist Abir von Ungarn nach Österreich, wird dort zuerst in ein Männergefängnis gebracht, später dann in ein SOS-Kinderdorf, findet bei einer Gastfamilie Zuflucht, um Monate später in Deutschland mit ihrer Familie wieder vereint zu werden.

Als ältestes von acht Geschwistern, aber auch als junges Mädchen, das über Nacht erwachsen wurde, hat sie schon immer Verantwortung getragen und ihre sprachliche Eloquenz dazu genutzt, Brücken zu bauen, wo Verständigung schier unmöglich schien – so auch als Dolmetscherin auf ihrer eigenen Flucht.

Just ihrer Kommunikationskompetenz ist es geschuldet, dass die erwachsene Abir eine Networkerin par excellence geworden ist.

Weiterführende Artikel zu Abir Haddad:

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