PODCAST #20

Cawa Younosi

HR-Revolutionär aus Kabul

Geburtsort

Kabul, Afghanistan

Geburtstag

1975

Anfänge

Handyverkäufer, Kellner, Kioskbesitzer

Heute

Personalchef bei SAP Deutschland
„Es ist nicht wichtig, das durchzuziehen, was man geplant hat. Man muss offen für Gelegenheiten sein und sie beim Schopf packen.“

Cawa Younosi im MyGrandStory Podcast

Cawa Younosis GrandStory

Mit 13 Jahren flüchtete Cawa Younosi aus seiner Heimatstadt Kabul, 30 Jahre später ist er Personalchef und Mitglied der Geschäftsführung von SAP Deutschland und verantwortlich für mehr als 22.000 Mitarbeiter.

Cawa gilt als eine der innovativsten Führungspersönlichkeiten im HR-Sektor. Stück für Stück revolutioniert er mit mutigen Ideen bereits die gesamte Arbeitswelt: weg vom schlichten Verwaltungsorgan, hin zu einem System, das sich auf die tatsächlichen Lebensumstände der Mitarbeiter konzentriert.

Mehr Engagement, mehr Risiko, mehr Chancengleichheit, generell ein Umdenken in der Arbeitswelt und eine zeitgemäße Unternehmenskultur, das sind seine Forderungen.

Und er weiß genau, wovon er spricht, denn seine persönlichen Erfahrungen und sein beruflicher Weg ins Top-Management entsprechen keiner Norm. Er musste sich wortwörtlich von einem Tag zum nächsten durchkämpfen. Cawa jobbte als Kellner, Handyverkäufer und Kioskbesitzer, während er parallel Jura studierte.

Und heute? Heute hat Cawa Younosi die Möglichkeit, Menschen jeglicher Couleur selbst eine Chance zu geben – als Vorbild und GrandStory.

Wer ist Cawa Younosi?

Cawa Younosi, 46, ist Personalchef und Mitglied der Geschäftsführung von SAP Deutschland. Seit März 2022 leitet er als Global Head of People Experience auch die neue globale Dachorganisation, die unternehmensweit die HR-Arbeit des Softwarekonzerns bündelt. Der studierte Jurist machte sich als renommierter Arbeitsrechtler einen Namen, bevor er zu dem Walldorfer IT-Unternehmen kam.

Seine Ideen für eine zeitgemäß gestaltete Arbeitswelt, und die Forderung „Unternehmen müssen sich den Bedürfnissen der Mitarbeiter anpassen“ machen ihn zu einem begehrten Interviewpartner, streitbaren Podiumsexperten und Referenten im Kanzleramt, bei Karrieremessen oder Ted-Ex-Talks; 2020 kürte ihn LinkedIn zur Top Voice; im gleichen Jahr wählte ihn das Fachmedium „Personal-Magazin“ zu „Germanys HR Influencer No.1“.

Er sitzt im Beirat von socialbee, eine gemeinnützige Organisation, die sich um Integration und Arbeitsplatzvermittlung für Menschen mit Fluchterfahrung kümmert.

Cawa Younosi lebt mit seiner Frau und seinem Sohn bei Walldorf.

Auf dem Weg zur GrandStory

Als er von seinem Vater in ein Flugzeug gesetzt wird, um ihn in letzter Minute noch vor dem afghanischen Militärdienst in Sicherheit zu bringen, war er 13. Ein unbegleiteter Minderjähriger, ähnlich wie unsere GrandStory Abir Haddad, der nicht wusste, wohin die Reise geht, nur seine Muttersprache verstand und schließlich bei einer iranischen Pflegefamilie in Bonn landete, dann Jahr um Jahr auf den Anruf wartete, der ihn in die Heimat zurückholen sollte.

Er lernt Deutsch, er geht zur Schule, er steht vor dem Abitur, er schämt sich, ein Geflüchteter zu sein. „Ich hatte die ganze Zeit in zwei Welten gelebt,“ erzählt Cawa im MyGrandStory-Podcast „immer die Option im Kopf zurückkehren zu können.“ Aber als 1997 die Taliban im Land die Macht ergriffen, war der Traum unmöglich geworden.

Er beginnt Jura zu studieren, ahnungslos, was da eigentlich auf ihn zukommt. Er brüht um 5 Uhr morgens in seinem Kiosk Kaffee für die Bauarbeiter und legt derweil seine zwei Examen ab, weil sein Überlebensinstinkt ihm sagt, dass man als Geflüchteter jede Chance wahrnehmen muss, und „alles was ich bisher investiert hatte, jetzt Früchte tragen musste.“

In der Arbeitswelt begegnet ihm mit aller Wucht das Thema, das seins werden wird: Unternehmenskultur. Er lernt viele Branchen und noch mehr Führungskräfte und Machtstrukturen kennen und was er da erlebt, empfindet er eher als kontraproduktiv, aus betriebswirtschaftlicher Sicht, aber auch, weil es seinem Menschenbild nicht entspricht.

Erst als er 2009 bei SAP ankommt, und 2014 Personalchef wird, kann er sein ganzes geballtes Wissen, sein Zukunftsbild von Führungskultur entfalten. „Mir wurde selbst viel Vertrauen entgegengebracht. Und als ich die Möglichkeit bekam, Einfluss zu nehmen, habe ich den Lead auch übernommen“

Und das bedeutet in Cawas Can-Do-Mentalität: Nicht lange analysieren, sondern machen! Beim Machen dürfen Fehler passieren. Und eine Fehlerkultur bedeutet: viel Vertrauen in Mitarbeiter. Das Zauberwort.

Als im September 2022 vom Arbeitsverfassungsgericht die Pflicht zur Arbeitszeiterfassung bestätigt wird, meldet er sich natürlich sofort zu Wort, sein gelebtes und erfolgreiches Gegenmodell: Vertrauensarbeitszeit. Bei SAP wird nicht nach Minuten, Stunden, Tagen abgerechnet. „Weil Vertrauen Freiheit schafft und Freiheit wiederum Eigenverantwortung.“ schreibt Cawa auf LinkedIn „Eigenverantwortlich handelnde Menschen besch… grundsätzlich nicht.“ 

Seine Offenheit ist sprichwörtlich und seine Rebellion kommt mit großer Leichtigkeit daher. Oder ist es Diplomatie? Was er als Grundeigenschaften von Führungskräften fordert, bringt er selber mit: Kommunikationsfähigkeit, Empathie, Spaß daran, Menschen zu begleiten, zu motivieren und zu fördern. „Neugier und die Nähe zu den Menschen, die einen umgeben, das ist Basic heute“ erklärt Cawa im MyGrandStory-Podcast. „Die Frage: Was brauchen sie, um glücklich zu sein und innovativ arbeiten zu können. Das ist People Experience.“

In Zeiten wie diesen, wo Unternehmen um gute Leute und frische Talente buhlen, und die Konkurrenz vor allem im Tech-Bereich groß ist, reicht nicht das Angebot von Bean Bags, Sauna und Afterwork-Partys.

Es muß viel tiefer gehen in die Bedürfnisse von Mitarbeiter:innen, „sie sind Menschen mit Sorgen, Glück, Emotionen, komplexe Persönlichkeiten – und das geht mich als Arbeitgeber etwas an! Das ist Wertschätzung und Wertschätzung sollte eine permanentes Kulturelement in Unternehmen sein.“

In diesem Sinne hat Cawa Younosi mit seinem Team viele Ideen auf den Weg gebracht und das klingt so easy, dass man sich fragt, warum das andere Unternehmen nicht auch schon längst umgesetzt haben: Spontane Gesprächsrunden mit Psychologen, als mit dem Ukraine-Krieg die Sorgen der Mitarbeiter:innen groß wurden; aber auch eine WauWau-App für Hundebesitzer; es gibt Co-Leadership, die Möglichkeit für Führungspersonen sich auf der hausinternen Seite ein:e Tandempartner:in zu suchen; das He-for-She-Programm, bei dem sich Männer für Frauenförderung stark machen; das Achtsamkeitsprogramm, das über die Firmenmauern hinaus für Aufmerksamkeit sorgte, und ganz aktuell das People Experience Programm, bei dem Mitarbeiter:innen aufgefordert sind, Kulturthemen aufzugreifen, Ideen zu kreieren, Erlebnisse für die Gemeinschaft zu schaffen.

So wird der Kulturwandel greifbar. Raum für den Mensch im Mittelpunkt. Und das wird Einfluss haben auf unsere Gesellschaft.

Darum hat Cawa Younosi eine GrandStory

Disruption und Innovation entstehen niemals aus dem Herkömmlichen. Immer muss ein Funke, ein Gedanke, bestehende, althergebrachte Muster hinterfragen und mit aller Kraft aufbrechen, bevor die Blüte des Neuen zum Vorschein kommen kann.

Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass besondere Innovationen von besonderen Menschen mit besonderen Lebensgeschichten aus der Taufe gehoben werden.

Cawa hat an sich selbst so viele Facetten des Menschseins erfahren, wie andere es nicht aus 1000 Büchern erlesen können. Und diese Lebenserfahrungen sind es, die ihm Glaubwürdigkeit verleihen, wenn er sich für einen Kultur- und Wertewandel in der Unternehmenswelt ausspricht.

„Ich hatte mehr Glück als Verstand“, resümiert Cawa seine eigene Geschichte. Und sein Glück ist ein Geschenk. Wir brauchen die Geschichten von Menschen wie Cawa Younosi.

Es ist schon mutig, über die eigenen Gefühle als Geflüchteter zu sprechen, wenn man in der Geschäftsführung eines Dax-Unternehmens sitzt. Darüber, lange die eigene Herkunft verleugnet zu haben, weil ihm der Flüchtlingsstatus peinlich war und er spürte, dass ihm das viele Wege versperrt. Wie er seinen Kummer verdrängt hat, bis die Erinnerungen an die Heimat ausgelöscht waren. Das klingt so dramatisch, wie es auf besondere Weise inspirierend ist.

Sein Motto: Wahrheit vor Mehrheit vor Hierarchie. „Wenn viele so denken würden,“ erzählt er im MyGrandStory Podcast, „wären wir als Gesellschaft noch besser, hätten weniger Ego, hätten weniger Kriege, weniger Diskriminierung.“

Nein, er ist kein Heiliger, sondern einer, der das Leben in all seinen Facetten kennengelernt hat.

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