PODCAST #22

Magdi Gohary

Der Friedensbeschwörer

Geburtsort

Al-Mansura, Ägypten

Geburtstag

1941

Anfänge

Auf der Suche nach (chemischen) Zusammenhängen

Heute

Experte für (historischen) Perspektivwechsel
„Allein das Denken über Krieg betrachte ich als Verbrechen“

Magdi Gohary im MyGrandStory Podcast

Magdi Goharys GrandStory

Auch wenn er nicht Gandhi heißt, oder Abuelaish, oder Avnery, Huxley oder Woody Guthrie – er glaubt wie sie an den Frieden, an die gewaltfreie Lösung territorialer und ideologischer Streitigkeiten, und er geht wie sie in den öffentlichen Dialog. Das ist entscheidend. Magdi Gohary ist wie sie: ein FriedensAktivist.

Ein Zeitzeuge bedeutender politischer Wendungen unserer Zeit und das Publikum lauscht, weil er die Geschichte(n) so bildstark und hautnah zu erzählen vermag. Über ein bewegtes Leben, das seine Person selbst dramatisch mitgerissen hat.

Als Nahost-Experte, Gewerkschaftsfunktionär, stark in der Flüchtlingsdebatte agiert er wie ein Ruhepol im allgemeinen Getöse um Deutungshoheit. Versucht in jedem Fall, das ganze Bild zu sehen. Er ordnet ein, wirft einen historisierenden Blick auf die Geschehnisse, verurteilt nicht, moralisiert nicht, sondern bewertet aus heutiger Kenntnis (und seine ist enorm!).

Wer lässt sich im Konflikt schon auf alle Seiten ein? Wahrlich keine weit verbreitete Tugend. Magdi Gohary aber, selbst heute mit über 80, ist darin kein bisschen müde geworden „Ich bin immer bereit, neue Aspekte zu entwickeln,“ sagt er im MyGrandStory-Podcast „denn das Leben ist nicht statisch und das gilt übrigens auch für Lösungen.“ Sich öffnen für das Neue, für Freiheit und Frieden revoltieren, das ist sein Elixir.

Was das mit seiner Jugend in Ägypten zu tun hat, wie eine Sitzdemo mit Erich Fried ihn geprägt hat und er zum Vermittler beim Terroranschlag bei der Olympiade 1972 wurde, erzählt Magdi Gohary eindringlich im Podcast-Gespräch von MyGrandStory.

Wer ist Magdi Gohary?

Magdi Gohary, auch Magdi El-Gawhary, geboren 1941 in al-Mansura, Ägypten, ist ein Chemotechniker, Publizist, Friedensaktivist und Zeitzeuge des Münchner Attentats 1972 sowie des Arabischen Frühlings in Ägypten 2011. Er ist Vater von Karim El-Gawhary.

Magdis Kindheit und Jugend war geprägt vom Einfluss der britischen Fremdherrschaft und der Besatzung des Suez-Kanals und später, 1956, von der stolzen Nationalisierung des Kanals durch Präsident Gamal Abdel Nasser.

Nach dem Abitur ging Magdi zum Studium der Technischen Chemie nach Graz, jobbte in den Semesterferien im Ruhrgebiet, heiratete in München, nahm dort – Mitte der wilden 60er Jahre – eine Stelle in der Forschungsabteilung eines Chemiekonzerns an und sollte nie mehr ganz in seine Heimat zurückkehren.

Sein politisches Engagement hat sein Leben maßgeblich geprägt: Er war in der Gewerkschaft, war Mitglied im Vorstand der Anti-Apartheid-Bewegung, ist aktiv in der Münchner Bürgerinitiative für Frieden und Abrüstung. Für das Goethe-Institut hat er Literatur übersetzt, als Nahostexperte hunderte Reden gehalten, Schriften verfaßt, Seminare gehalten, in Talkshows gesprochen … „Ich habe richtig gebüffelt,“ gibt er zu, „um all diese Zusammenhänge und Fragen verstehen zu können!“

Im Jahr 2000 wurde Magdi Gohary für seine besonderen Verdienste im gewerkschaftlichen Bereich die Hans-Böckler-Medaille vergeben, die höchste Auszeichnung der Gewerkschaften in Deutschland. Im gleichen Jahr erhielt Magdi die Medaille „München leuchtet“, eine offizielle Ehrung für besondere Verdienste um München, verliehen durch Christian Ude, dem damaligen Oberbürgermeister der bayerischen Landeshauptstadt München.

Magdi Gohary lebt in München. Sein Sohn Karim El-Gohary ist Journalist und berichtet als Nahostexperte aus Kairo. Auch er war schon zu Gast beim MyGrandStory-Podcast.

Auf dem Weg zur GrandStory

Eigentlich hatte seine Expedition nach Europa nur eine kurze Perspektive: die gutbürgerliche Familie schickt den 16jährigen Magdi zum Studieren, zum Horizont erweitern, um dann, drei, vier Jahre später in der Heimat startklar zu sein für einen besonderen Werdegang. Nach Ägypten kehrt er jedoch lange nicht zurück. Erst 1972 und das keineswegs freiwillig, sondern zusammen mit 99 aus Deutschland abgeschobenen Palästinensern.

Aber der Reihe nach: München Anfang der 60er Jahre. Eine Hochburg der Studentenbewegung. Protestaktionen, Sit-Ins, hitzige Diskussionen. „Ich habe erlebt, wie eine junge Generation revoltiert“ erzählt Magdi, „und ich konnte mich damit identifizieren, war von Anfang an dabei.“ Gegen Imperialismus und gegen Kolonialismus – genau das, was er in Ägypten selbst erlebt hatte: Die Demütigung und den Zorn, die Befreiung und den Stolz. „Besatzung fremder Länder ist strukturierte Gewalt, ich habe schon immer nach Freiheit gesucht, und später nach Frieden.“

Vor allem den Frieden im Nahen Osten, der durch den Israelisch-Palästinensischen Konflikt zu einem hochkomplexen Problem geworden war. Als junger Ägypter, der arabischen Mentalität bewusst, fühlt er sich der Situation besonders verbunden. Er muss eine Haltung finden. Die Vorgänge von allen Seiten durchdringen. Das sollte sein Fachgebiet werden.

Und dann kam der Anruf, der ihn in einen Brennpunkt des Konflikts katapultiert: 1972, Olympiade in München, 7 Uhr morgens, das Auswärtige Amt. „Man bat mich um Hilfe.“ Er soll beim Attentat auf die israelischen Sportler vermitteln. „Aufgabe unseres Krisenstabs war es, eine friedliche Lösung, eine Exit-Strategie zu finden. Und ich konnte sie auch mit den palästinensischen Geiselnehmern besprechen. Aber es wurde am Ende nach zwei Staatsräsons entschieden…“ erzählt er mit rauer Stimme „und wir wissen, das hat keiner der Geiseln überlebt.“

Zwei Wochen später wird er festgenommen, wegen „Gefährdung der inneren und äußeren Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland“. Mit seinem politischen Engagement, auch für die Völker der Dritten Welt, war er in das Blickfeld der bayrischen Staatsregierung geraten und wurde augenblicklich in einem Flugzeug nach Kairo gebracht, ähnlich wie 99 ausgewiesene Palästinenser.

Zwei Jahre zähe Gerichtsverhandlungen folgen, bis er zu seiner Familie nach München zurückkehren kann, eine sichere Aufenthaltsgenehmigung bekommt er aber erst nach weiteren 11 Jahren.

Und dann noch ein Anruf, der ihn ins Zentrum eines historischen Ereignisses führt: 25. Januar 2010, sein Sohn ruft durchs Telefon „Vater, dein Volk schreibt jetzt Geschichte!“ Den Beginn des Arabischen Frühlings verfolgt Magdi direkt in Kairo, live berichtet er vom Tahrir Platz für Zeitungen und Fernsehen, wissend, emphatisch, hoffnungsvoll.

ORF Live: Magdi Gohary im Interview mit seinem Sohn, Karim El-Gawhary, zu den Ereignissen während des Arabischen Frühlings am Tahrir-Platz in Kairo 2011.

„Alle Schichten der Gesellschaft trafen aufeinander und haben sich über ihre Wünsche und die Zukunft Ägyptens unterhalten“ erinnert er sich, „das war etwas Wunderbares, es hat tatsächlich stattgefunden.“

Umso bedauerlicher, sagt er, dass Freiheit und Frieden dort keinen Bestand hatten, dass es sich zum Guten wende, daran müsse man doch immer festhalten.

Und was ist das Wichtigste für ihn heute? „Wir haben große Probleme, Klimaprobleme, die uns alle angehen. Unsere Aufgabe ist, die Menschheit zu retten. Das müssen wir schaffen, die Geschichte kennt kein Pardon.“

Das macht Magdi Gohary zu einer GrandStory

Zeitzeugen seiner Couleur sind ein Geschenk. Geschichte erfassen, Generationen verstehen, Menschen begreifen, sich Veränderungen anpassen, dabei die vielen Widersprüchlichkeiten des (eigenen) Lebens aushalten lernen.

Da sind große Aha-Momente garantiert. Plus einer wichtigen Message, Magdi Goharys Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens: „Sein angeeignetes Wissen in einen zivilisatorischen Auftrag zu geben. Ich empfinde es als mein Privileg, es zu nützen, damit weniger Privilegierte es besser haben.“

Text: Andrea Ketterer

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